Ötzis bestes Stück...?


Meine Fertigkeit im Feuersteinpfeilspitzenschlagen beschränken sich darauf, die Knollen äusserst brutal aufeinander zu hämmern und anschliessend hoffentlich etwas Brauchbares in den Trümmern zu finden. Ich war deshalb froh, im August 2005 während einem der Wettbewerbe im prähistorischen Bogenschiessen und Speer- schleudern eine Klinge aus Flint/Silex erwerben zu können. Der Stein besitzt eine Länge von ca. 140 mm und eine Breite von 34 mm.
Da mir der Messerbau nicht unbekannt ist, lag es nahe, diese Klinge zu einem dolchähnlichen Gerät zu verarbeiten. Die von mir gewählte Bauart und das verwendete Material halte ich für authentisch. Unter den Artefakten des Gletschermannes Ötzi befand sich ein ähnliches Messer, allerdings mit einem Holzgriff und einer Scheide aus geknüptem Gras ausgestattet.

Baubeschreibung
Für das Griffstück wählte ich einen ovalen Abschnitt des Geweihs eines Rothirschss. Die Länge beträgt ca. 110 mm. Das Innere des Geweihs ist morphos (Spongiosa) und lässt sich deshalb sehr gut bearbeiten. An der Klingenseite besitzt der Griff in etwa die gleiche Breite wie die Klinge. Zuerst wird ein Sackloch gebohrt, das im Durchmesser in etwa der Breite der Angel entspricht. Da sich die Angel zur Klinge hin verbreitert muss anschliessend ein Keil herausgesägt werden. Die Bohrung muss in der gleichen Lage wie der Keil konisch erweitert werden. Am besten geschieht das mit einem Fräser oder einer Rundfeile.
Passt die Klinge bis zu gewünschten Tiefe in das Griffstück wird das Ganze verklebt. Extremisten wählen hierfür Birkenpech oder Harzwachs, Banausen und Ignoranten wie ich greifen zu Prestolit :-). Also, den Griff mit Klebzeug füllen und die Klinge hineinstecken, ausrichten, fixieren und einen Kaffee trinken.
Ist der Kleber ausgehärtet, sollte aus Gründen der Stabilität und Optik der Übergang zwischen Klinge und Griff abgebunden werden. Als Material bietet sich Hanf an. Meines Erachtens sieht allerdings hier eine Rohhautwickkung schöner aus. Man sollte in diesem Fall nicht Rinderhaut verwenden, sondern Haut vom Hirsch oder der Ziege, das sogenannte Pergamentleder, das sehr viel dünner ist. Es ist sinnvoll die Kanten des Lederstreifen noch dünner zu schaben um die Stufenbildung der Wicklung zu minimieren. Es geht ganz gut, den trockenen Rohhautstreifen zwischen Schleifpapier hin und her zu ziehen. Danach wird der Rohhautstreifen solange in Wasser eingeweicht bis er geschmeidig ist. Nachdem der Streifen durch Holzleim gezogen wurde, kann er stramm um Klinge und Griff gewickelt werden. Nach dem Austrockenen hat er sich wieder zusammengezogen und hält das Ganze bombenfest.

Die Scheide
Die Scheide besteht aus einem mit Leder ausgekleidetem Erlenholzrahmen, einer Abdeckung aus geflochtenen Birkenrinden- streifen und einer, durch Schlitze gezogenen Ledermanschette. Kein Steinzeitler hätte eine solche Scheide gebaut. Der Aufbau ist viel zu verspielt und nicht praxisgerecht. Vielmehr käme Leder oder Fell, oder wie der Fund bei Ötzi zeigt, geknotete Grasschnüre zum Einsatz.
Was ich allerdings für authentisch halte, ist die Tragweise der Scheide. Auch in der Vergangenheit hat nicht jeder Steinzeitler die Herstellung von Feuersteinwerkzeugen beherrscht. Weil aber eine solche Klinge doch sehr aufwändig ist, gehört sie als kostbarer Besitz vernünftig geschützt. Die Tragweise in einer Köcherscheide am Hals bietet sich folgerichtig an. Das Messer ist derart vor Klingenbruch geschützt und bleibt im Blickfeld des Besitzers.

Fazit
Obwohl eine zweckgebunder Einsatz dieses Messer in der heutigen Zeit nicht erkennbar ist, hat es viel Spass bereitet, dieses Gerät zu bauen. Nach der Fertigstellung legt man es am besten in eine stille Ecke und holt es von Zeit zu Zeit zum Streicheln heraus...


Eine schöne Seite mit hervorragenden Steinklingen :

Carl Doney's Flintknapping Page / USA