Geschichte, Funktion und Handhabung der Speerschleuder


Not macht erfinderisch. Vermutlich um dem hohen Verletzungsrisiko zu entgehen, wenn ein Beutetier mit einem Spiess angegriffen wird, kam es zur Entwicklung der ersten wirksamen Fernwaffe des Menschen. Mögliche Beutetiere waren unter anderem Wildpferd, Rentier, Hirsch und Wildschwein. Da ein echtes Zielen wie mit Pfeil und Bogen nicht möglich ist, sondern eher ein instinktiv kontrollierter Wurf werden Eiszeitjäger vermutlich in der Jagdgruppe einer vorbeiziehenden Herde aufgelauert haben (Abb. 1).

Um 1850 föderten Funde in französischen Höhlen mehrere mit Haken versehene Geweihstücke zu Tage, die einige Jahre später als Hakenenden für Speerschleudern definiert wurden. Das bevorzugte Material scheint Rengeweih gewesen zu sein, aber auch Hakenenden aus Knochen und Elfenbein wurden gefunden.
Die c14-Methode zeigt für ein in der Höhle Combe Sauniére, Frankreich, gefundenes Hakenende ein Alter von ca. 20.000 Jahren. Jünger datierte Funde sind ca. 12.000 Jahre alt. Belegt sind aber nicht nur Funde aus dem Schwerpunkt Südwestfrankreich, auch in anderen europäischen Ländern wie der Schweiz, Deutschland und in Spanien wurden derartige Artefakte entdeckt.
Das Hakenende wurde an einem Holzschaft befestigt. Methoden hierfür sind eine Basisabschrägung an Haken und Schaft oder das Einlassen des Hakens in das Schaftende. Die Befestigung der beiden Teile erfolgte durch Kleber wie Birkenpech, Baumharz oder Wachs und einer zusätzlichen Umwicklung aus Tiersehnen oder Pflanzenfasen, wie Baumbast (Abb. 2). Weltweit bekannt sind 125 Funktionsende, bzw. Fragmente davon. Die sehr lange Nutzungszeit der Speerschleuder im Vergleich zu den relativ wenig erhaltenen Hakenenden legt den Schluss nahe, dass die meisten Schleudern gänzlich aus Holz bestanden.
Bekannt sind Schleudern mit Funktionsenden, wie Haken, Mulden oder einer Haken-Mulden-Kombination. Am verbreitetsten scheinen in Europa Speerschleudern mit Hakenenden gewesen zu sein, welche zu den schönsten Kleinkunstobjekten der Eiszeit gezählt werden. Die durchschnittliche Länge einer Speerschleuder wurde (Dr. Stodiek, 1993) auf 55 bis 75 Zentimetern rekonstruiert.
Das Vorkommen der Speerschleuder wurde weltweit belegt in Amerika, Australien, Neu-Guinea und Mikronesien. In Süd- und Mittelamerika und im Süden der Vereinigten Staaten war die Speerschleuder (hier 'Atlatl' genannt) weitverbreitet. Spanische Eroberer machten vor 500 Jahren recht unliebsame Bekanntschaft mit damit geschleuderten Speeren. Im Norden der USA fuhren die Eskimos mit dem Atlatl auf die Jagd nach Robben. Der aus einen Kajak geworfene Speer wurde mit einer, aus Handlingsgründen sehr kurzen Schleuder von ca. 20 Zentimetern beschleunigt. Die australische Speerschleuder, Woomera genannt, ist dagegen ca. 1,20 Meter lang, die dazugehörigen Speere können eine Länge von 4 Metern erreichen. :-) Eine logische Anpassung, denn Robben laufen nicht weit weg und Känguruhs schwimmen sehr selten direkt neben einem Boot.
Im Gegensatz zu 'konventionellen' Speeren und Lanzen sind Wurfspeere wesentlich dünner und leichter. Dr. Stodiek ermittelte eine durchschnittliche Länge zwischen 2,10 und 2,30 Metern bei einem Spitzendurchmesser von ca. 10 bis 11 Millimetern. Als Schaftmaterial könnten Haselrute oder Birkenschössling Verwendung gefunden haben. Die Spitzen bestanden aus geschlagenem Feuerstein, Geweihenden oder Geweihenden mit eingesetzten Rückenmessern aus Feuersteinabschlägen, die z. B. mittels Birkenpech in eine Geweihspitze eingeklebt wurden (Abb. 3). Um den Schwerpunkt in Richtung vorderen Schaftbereich zu verlagern ist davon auszugehen, dass Wurfspeere eine Befiederung am Schaftende besassen. Die andere Möglichkeit wäre eine schwerere Spitze, was natürlich das Gesamtgewicht des Speeres erhöht, und somit die Flugweite verringert.

Die Funktion der Speerschleuder basiert auf dem Prinzip der Hebelarmverlängerung. Dadurch vergrössert sich die auf den Speer wirkende Beschleunigung, was zu einer höheren Durchschlagskraft, bzw. Wurfweite führt. Bedingt durch den kontrollierten Ablauf beim Wurf erhöht sich ebenfalls die Treffergenauigkeit. Es sind Abfluggeschwindigkeiten von ungefähr 100 km/h möglich und Wurfweiten von ca. 30 Metern bei angemessener Trefferquote.

Die Handhabung der Speerschleuder ist einfach. Das Hakenende wird in die entsprechende Aushöhlung am Schaftende des Speeres eingehakt. Die Finger der Wurfhand umklammern den Griff der Schleuder. Daumen und Zeigefinger stützen den Speer (Abb. 4). Beim Zielen wird das Ganze etwas oberhalb der Augenhöhe gehalten und das Ziel wird über die Speerspitze anvisiert. Beim Abwurf darf der Speer nicht geworfen werden, sondern das Hakenende muss das Speerende und somit den ganzen Speer nach vorne ziehen (Abb. 5). Die stützenden Finger lösen sich dabei vom Schaft und dürfen den Abflug nicht behindern.

Wesentlich zur Stabilisierung trägt das Durchbiegen des Speeres während des Fluges bei. Um eine geschlängelte, kontrollierte Flugbahn zu erreichen ist das richtige Verhältnis von Durchmesser zur Länge des Speerschaftes entscheidend. Ebenso trägt die passende Abwurfkraft dazu bei. (Bogenschützen können dies leicht nachvollziehen: Der Spine-Wert des Pfeiles muss zum Zuggewicht des Bogens passen).

Seit einigen Jahren erlebt das prähistorische Speerschleudern eine Wiedergeburt. Von Experimentalarchäologen initiert, werden in einigen europäischen Ländern Wettbewerbe in dieser Disziplin durchgeführt. In der Liste des Jahres 2004 werden über 400 aktive Wettbewerber genannt, die nach dem gültigen Reglément ihre Treffer zu landen. Dabei werfen sie bei 3 Runden auf 10 Ziele in wechselnden Entfernungen zwischen 8 und 26 Metern.



Quellenangabe der Bilder:

Abb. 1 - Landesmuseum für Natur und Mensch, Oldenburg
Abb. 2, 3, 5 - Schematische Zeichnungen nach Vorlage von Bildern aus 'STODIEK/PAULSEN - Mit dem Pfeil, dem Bogen...'
Abb. 4 - Schematische Zeichnung nach Vorlage eines Bildes aus 'HEIN - Die Speerschleuder - Zurück aus der Vergangenheit'